Denken wir noch – oder fühlen wir schon? „Events, die nichts auslösen, können wir uns sparen.“

Agenturen

Nadja Kahn, Gründerin und Geschäftsführerin von KahnEvents Incentives & Concepts, über die wirtschaftliche Kraft von Emotionen, bewusst gestaltete Gästeerlebnisse und warum künstliche Intelligenz zwar Prozesse optimieren, aber echte menschliche Begegnungen nicht ersetzen kann.

Seit 2003 entwickelt Nadja Kahn mit ihrer Agentur KahnEvents Veranstaltungen für Unternehmenskunden. Über 1.000 Events hat das Team seither rund um die Welt realisiert – von Kuba über Südafrika bis nach Lappland. Bei aller Vielfalt der Formate und Destinationen folgt ihre Arbeit einer klaren Überzeugung: Veranstaltungen sind kein Selbstzweck. Sie sollen Menschen bewegen (nicht nur räumlich, sondern vor allem emotional!) und für Unternehmen etwas bewirken.

Deshalb bezeichnet sich das Team von KahnEvents nicht einfach als Eventmanager, sondern als „Moment Creator“. Menschen, die Erlebnisse gestalten, die etwas auslösen – Begeisterung, Vertrauen, Zugehörigkeit oder vielleicht sogar den Mut, etwas zu verändern.

Mit ihrem Buch „Denken wir noch oder fühlen wir schon?“, das sie gemeinsam mit Christoph Theile geschrieben hat, rückt Kahn die Bedeutung von Emotionen in den Mittelpunkt. Im Gespräch mit eventmanager.de erklärt sie, warum sich emotionale Erlebnisse bewusst gestalten lassen, weshalb Unternehmen die Wirkung ihrer Veranstaltungen stärker hinterfragen sollten und wie KI dabei helfen kann, mehr Raum für das eigentlich Menschliche zu schaffen.

Maßgeschneidert reicht nicht. Events müssen etwas bewegen.

Wenn Nadja Kahn ihre Agentur beschreibt, zieht sie einen ungewöhnlichen Vergleich: Veranstaltungen und Schuhe hätten mehr gemeinsam, als man zunächst vermuten würde. „Beide müssen laufen – und das gelingt am besten, wenn sie maßgeschneidert sind.“

Nicht jeder Schuh passt zu jedem Menschen. Ebenso wenig passt jedes Veranstaltungskonzept zu jedem Unternehmen. Entscheidend sei, die Bedürfnisse des Auftraggebers zu verstehen und herauszufinden, welches Format, welche Inszenierung und welche Atmosphäre tatsächlich passen.

Doch für Kahn geht die Aufgabe einer Eventagentur deutlich weiter. „Ein reibungsloser Ablauf ist die Pflicht. Die Kür besteht darin, etwas bei den Menschen auszulösen.“

Der Kunde soll Gast seiner eigenen Veranstaltung sein können. Er soll sich auf seine Rolle als Gastgeber konzentrieren, während die Agentur im Hintergrund dafür sorgt, dass alles funktioniert. Im Idealfall bemerken die Gäste gar nicht, wie viel Arbeit dahintersteckt.

„Wenn am Ende alle sagen, dass alles perfekt organisiert war, haben wir unseren Job gut gemacht. Wenn sie aber Wochen später noch darüber sprechen, was sie erlebt und gefühlt haben, dann haben wir wirklich etwas erreicht.“

Dass sich die Rahmenbedingungen für Agenturen seit ihrer Gründung verändert haben, steht für Kahn außer Frage. Entscheidungsprozesse seien komplexer geworden, Budgets würden kritischer hinterfragt und regulatorische Anforderungen hätten zugenommen. Insbesondere in der Pharmabranche habe der Pharmakodex wichtige Veränderungen angestoßen.

Kahn bewertet diese Entwicklung durchaus positiv. Schließlich sei es richtig, darauf zu achten, wie Erlebnisse auf Menschen wirken und ob sie Entscheidungen unangemessen beeinflussen könnten.

Gleichzeitig sieht sie eine Herausforderung, die die Branche bis heute begleitet: die Anerkennung kreativer und konzeptioneller Leistungen.

„Warum ist die Erwartungshaltung bei Kunden, dass Konzepte kostenfrei seien, Pitches nicht bezahlt werden müssten?“, fragt sie zugespitzt.

Wer von einer Agentur strategische Beratung, kreative Ideen und individuelle Konzepte erwartet, sollte auch bereit sein, diese Leistung angemessen zu honorieren. Schließlich entsteht der Wert einer Veranstaltung nicht erst dann, wenn der erste Gast den Raum betritt.

Emotionen sind keine Dekoration. Sie sind der Schlüssel zur Wirkung.

Der emotionale Kern ihrer Arbeit führt direkt zu Kahns Buch. Der Titel stellt eine provokante Frage: Wie rational sind unsere Entscheidungen tatsächlich?

Kahn verweist auf Erkenntnisse der Emotionsforschung, nach denen Gefühle unsere Wahrnehmung, unsere Entscheidungen und unser Verhalten wesentlich beeinflussen.

Um das Zusammenspiel von rationalem Denken und Emotionen anschaulich zu erklären, nutzt sie ein Bild: den „Emotiophanten“ und die „Ratiomeise“.

Der Elefant steht für die emotionale Seite des Menschen, die kleine Meise auf seinem Kopf für den rationalen Verstand. Während der Elefant seinen Weg geht, kommentiert die Meise fortlaufend, warum genau dieser Weg angeblich von Anfang an geplant war.

Das Bild verdeutlicht, wie häufig wir Entscheidungen im Nachhinein rational erklären, obwohl Emotionen sie wesentlich mitbestimmt haben.

Für die Eventbranche ist das keine nette Randnotiz, sondern eine strategische Erkenntnis. Denn wenn Unternehmen mit Veranstaltungen etwas erreichen wollen – Mitarbeitende motivieren, Kunden binden, Veränderungen begleiten oder Vertrauen aufbauen –, müssen sie verstehen, welche Emotionen diese Ziele unterstützen.

Kahn beschäftigt sich deshalb intensiv mit den sieben sogenannten Basisemotionen nach Paul Ekman und der Frage, wie sich emotionale Prozesse bewusst gestalten lassen.

„Wir müssen uns bei der Konzeption viel häufiger fragen: Was sollen die Menschen nach der Veranstaltung anders fühlen, anders denken oder vielleicht sogar anders machen?“

Denn Menschen kommen nicht als unbeschriebenes Blatt zu einer Veranstaltung. Sie bringen ihren Alltag mit, Gedanken, Sorgen, Erwartungen und manchmal auch Widerstände.

Ein erfolgreiches Event berücksichtigt diese emotionale Ausgangslage und gestaltet einen Weg zu einem gewünschten emotionalen Zustand. Genau das versteht Kahn unter emotionaler Dramaturgie.

Es geht also nicht darum, möglichst viele positive Gefühle zu erzeugen. Auch Unsicherheit, Überraschung oder Nachdenklichkeit können wichtige Bestandteile eines Erlebnisses sein, wenn sie bewusst und verantwortungsvoll eingesetzt werden.

„Emotionen sind kein Selbstzweck. Sie sind ein wesentlicher Teil der Wirkung, die wir mit einer Veranstaltung erzielen wollen.“

„Ein Event, das nichts auslöst, wird auch nichts verändern.“

Nadja Kahn, KahnEvents

Die emotionale Dramaturgie beginnt vor dem ersten Programmpunkt.

Wie sich dieser Gedanke praktisch umsetzen lässt, zeigt sich für Kahn bereits bei der Begrüßung.

Die klassische Frage „Wie war die Anreise?“ hält sie nicht immer für hilfreich. Schließlich führt sie die Gäste gedanklich möglicherweise zurück zu Verspätungen, Stau oder anderen Ärgernissen, die sie gerade hinter sich lassen möchten.

Viel wirkungsvoller sei eine persönliche Ansprache, die vermittelt: Schön, dass du da bist. Jetzt beginnt etwas Gutes.

Ein kleiner Unterschied in der Formulierung – aber möglicherweise ein großer Unterschied in der emotionalen Wirkung.

Die Gäste sollen nicht einfach registriert und weitergeleitet werden. Sie sollen spüren, dass ihre Anwesenheit erwünscht ist.

Darauf baut das weitere Erlebnis auf. Ein überraschend gestalteter Raum kann Neugier wecken. Eine klare Orientierung und ein verständlicher Ablauf schaffen Sicherheit. Ein gutes Programm aktiviert und verbindet Menschen.

Und scheinbar selbstverständliche Faktoren wie Temperatur, Lautstärke, Essen, Getränke oder angenehme Räumlichkeiten beeinflussen, ob sich Menschen wohlfühlen und auf eine Veranstaltung einlassen können.

Viele dieser Eindrücke werden unbewusst verarbeitet. Genau deshalb lohnt es sich, sie bewusst zu planen.

„Man kann die großartigste Show der Welt inszenieren. Wenn der Gast vorher 30 Minuten in der Kälte gestanden hat, niemand weiß, wo seine Jacke geblieben ist, und er sein Gegenüber beim Abendessen nicht versteht, haben wir emotional schon einiges verspielt.“

Dabei geht es nicht allein um große Inszenierungen oder spektakuläre Effekte. Häufig sind es die kleinen Momente, die darüber entscheiden, wie ein Event wahrgenommen wird.

Für Kahn hängt das maßgeblich von den Menschen ab, die eine Veranstaltung umsetzen.

Ein Sicherheitsmitarbeiter, eine Servicekraft oder ein anderes Teammitglied kann seine Aufgabe als bloßen Austausch von Zeit gegen Geld verstehen – oder als wichtigen Beitrag zum Gesamterlebnis.

Deshalb beginnt emotionale Eventgestaltung nicht erst beim Gast, sondern beim eigenen Team und bei sämtlichen beteiligten Dienstleistern.

Wer Mitarbeitenden vermittelt, warum sie Teil der Veranstaltung sind und welchen Beitrag sie zum Erlebnis leisten, schafft eine andere Grundlage für die Zusammenarbeit.

„Jeder Mensch, der auf einer Veranstaltung arbeitet, beeinflusst das emotionale Erlebnis der Gäste. Das müssen wir uns bei jedem Briefing bewusst machen.“

Wenn Emotionen wirken, profitieren auch Unternehmen.

Die wirtschaftliche Dimension emotionaler Erlebnisse wird nach Kahns Einschätzung häufig unterschätzt.

Unternehmen investieren erhebliche Summen in Veranstaltungen, um Mitarbeitende zu motivieren, Kundenbeziehungen zu stärken, neue Strategien zu vermitteln oder Veränderungsprozesse zu begleiten.

Doch die Bewertung des Erfolgs beschränkt sich häufig auf Teilnehmerzahlen, Budgeteinhaltung oder Zufriedenheitsbefragungen.

Dabei lautet die entscheidende Frage: Was hat die Veranstaltung tatsächlich verändert?

Fühlen sich Mitarbeitende ihrem Unternehmen stärker verbunden? Haben Kunden mehr Vertrauen gewonnen? Ist eine neue Strategie nicht nur verstanden, sondern auch emotional angenommen worden?

„Wenn wir über den Return on Investment einer Veranstaltung sprechen, sollten wir nicht nur messen, wie viele Menschen anwesend waren. Wir sollten auch fragen, was wir bei ihnen bewirkt haben.“

Emotionale Wirkung lässt sich nicht immer unmittelbar in Zahlen übersetzen. Doch sie kann sich in Einstellungen, Erinnerungen, Beziehungen und späterem Verhalten zeigen.

Für Kahn ist deshalb klar: Wer Events strategisch einsetzen möchte, muss ihre emotionale Wirkung von Anfang an mitdenken – und geeignete Wege finden, die angestrebten Veränderungen zu überprüfen.

KI kann vieles. Aber sie kann nicht für uns fühlen.

Auch die Digitalisierung verändert Kahns Arbeitsweise. Künstliche Intelligenz nutzt sie in ihrer Agentur unter anderem, um Wissen besser zugänglich zu machen, Prozesse zu beschleunigen, Informationen zu überprüfen und neue Perspektiven für bestehende Ideen zu entwickeln.

Dabei versteht sie KI nicht als Bedrohung, sondern als Werkzeug, das der Branche enorme Möglichkeiten eröffnet.

Ihr Ansatz: zunächst selbst nachdenken, eine Richtung entwickeln und anschließend KI als Sparringspartner einsetzen. Sie kann zusätzliche Facetten aufzeigen, Zusammenhänge sichtbar machen und Denkanstöße liefern.

„KI kann uns dabei helfen, schneller und effizienter zu werden. Aber sie sollte uns nicht das eigene Denken abnehmen.“

Auch während Veranstaltungen sieht Kahn konkrete Einsatzmöglichkeiten. KI-gestützte Anwendungen können Gästen bei Fragen zu Programmpunkten oder Veranstaltungsräumen helfen, das Gästemanagement unterstützen oder Rückmeldungen auswerten.

Bei der Erfassung und Analyse emotionaler Reaktionen stellt sich allerdings auch die Frage nach dem Schutz persönlicher Daten. Technologie kann Hinweise liefern, doch ihr Einsatz muss sinnvoll und verantwortungsvoll gestaltet werden.

Eine weitere Grenze sieht Kahn bei der Auswahl von Dienstleistern und besonderen Locations. Gerade bei internationalen Veranstaltungen sei lokale Expertise unverzichtbar.

Persönliche Empfehlungen, gewachsene Beziehungen und das Gespür dafür, welcher Partner wirklich zu einem Kunden passt, ließen sich nicht ohne Weiteres digital ersetzen.

„Die KI kann mir hundert Locations vorschlagen. Aber ob eine davon wirklich die richtige Atmosphäre für genau diese Menschen und genau dieses Veranstaltungsziel bietet, ist eine ganz andere Frage.“

Ihr über Jahre aufgebautes internationales Netzwerk bleibt deshalb ein wesentlicher Bestandteil ihrer Arbeit.

Und möglicherweise liegt gerade darin die große Chance der Digitalisierung: Je mehr Routineaufgaben automatisiert werden, desto mehr Aufmerksamkeit können Eventprofis dem widmen, was ihre eigentliche Stärke ausmacht – Menschen verstehen, Beziehungen gestalten und besondere Momente schaffen.

Die Zukunft der Live-Kommunikation ist menschlich – gerade wegen KI.

Für die Zukunft der Branche erwartet Kahn einen weiterhin umkämpften Markt. Gleichzeitig ist sie überzeugt, dass persönliche Begegnungen für Unternehmen eine wichtige Rolle spielen werden.

Gerade in einer zunehmend digitalisierten Arbeitswelt gewinnen Erlebnisse an Bedeutung, bei denen Menschen einander tatsächlich begegnen, gemeinsam etwas erleben und sich als Teil einer Gemeinschaft fühlen.

Dabei müsse sich auch die Art verändern, wie Unternehmen Veranstaltungen konzipieren.

Es reiche nicht mehr, Informationen von einer Bühne aus zu vermitteln und darauf zu hoffen, dass sie bei den Teilnehmenden ankommen.

„Informationen können wir heute jederzeit und überall abrufen. Dafür müssen wir nicht unbedingt in einem Veranstaltungsraum sitzen. Wenn wir Menschen zusammenbringen, müssen wir ihnen etwas bieten, das über reine Informationsvermittlung hinausgeht.“

Das gilt besonders dann, wenn Menschen unterschiedlicher Generationen, mit verschiedenen Erwartungen, Kommunikationsgewohnheiten und Erfahrungen zusammenkommen.

Für Kahn liegt die Antwort jedoch nicht darin, jede Zielgruppe ausschließlich über ihre vermeintlichen Eigenheiten anzusprechen.

Entscheidend sei die echte, persönliche Ansprache. Menschen wollen wahrgenommen, ernst genommen und eingebunden werden.

„Wir dürfen bei aller Begeisterung für neue Technologien nicht vergessen, für wen wir das alles machen. Nicht für Algorithmen, nicht für Präsentationen und auch nicht für perfekte Ablaufpläne. Sondern für Menschen.“

„Wenn nicht wir, wer dann?“

Am Ende geht es Nadja Kahn um mehr als erfolgreiche Veranstaltungen.

Sie sieht in der Eventbranche die Möglichkeit, Menschen zusammenzubringen, Perspektiven zu verändern und positive Impulse zu setzen.

Gerade in einer Zeit, in der die allgemeine Stimmung häufig von Unsicherheit und Negativität geprägt ist, könne die Branche einen wertvollen Beitrag leisten.

„Wir haben das große Privileg, beruflich Momente gestalten zu dürfen, in denen Menschen sich begegnen, gemeinsam lachen, staunen, nachdenken und manchmal sogar ihre Sicht auf die Dinge verändern.“

Darin sieht sie zugleich eine Verantwortung.

„Wir können Menschen nicht vorschreiben, was sie fühlen sollen. Aber wir können Rahmenbedingungen schaffen, in denen Vertrauen entsteht, Neugier geweckt wird und Menschen sich miteinander verbunden fühlen.“

Ihre Überzeugung ist deshalb klar: Wir sind keine rein rationalen Wesen. Wir sind emotionale Menschen – und diese Erkenntnis sollte sich auch darin widerspiegeln, wie Unternehmen kommunizieren und Veranstaltungen gestalten.

Die Zukunft erfolgreicher Events entscheidet sich deshalb nicht allein an immer spektakuläreren Inszenierungen oder neuen technologischen Möglichkeiten. Sondern daran, ob es gelingt, Menschen wirklich zu erreichen.

Oder, wie Nadja Kahn es auf den Punkt bringt:

„Wenn nicht wir, wer dann?“

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