Kunst und Kommerz: Und es geht doch

Gespräch zwischen Barbara Duchow und Martin Sambauer über das Verhältnis von Kunst, Kommerz - Schmerz und Lust. Der Versuch den Blick mal wieder ein wenig über den Tellerrand zu erheben.

„Kunst und Kommerz“ - eine uralte Begriffsehe, in der sich die beiden Ehepartner oft angewidert voneinander abwenden, um sich letztlich doch immer wieder zu vereinigen - mal heimlich und mal in aller Offenheit. Für die performing arts Regisseurin Barbara Duchow ist dieser alte Topos mehr als ein geflügeltes Wort - es ist eine oft knallharte Realität. Während sie in New York mit Daniel A. Jones und Helga Davis auf einer Theaterbühne die inneren Prozesse der nationalsozialistischen und rassistischen Jahrhundertverbrechen ergründet, inszeniert sie nur wenige Wochen danach auf der anderen Seite des Atlantik eine Industrieshow, um teure Produkte zu bewerben oder um die Kunden ihrer Kunden auf irgendetwas einzustimmen. Seit vielen Jahren zelebriert sie dieses Hin- und Her, das immer wieder auch die inneren Grenzen ihrer Seele überdehnt. Während es auf der einen Seite des Ozeans darum geht sich den oft abgründigen Mysterien unserer Existenz zu nähern, vielleicht sich mit ihnen zu versöhnen, muss auf der anderen Seite der Glanz der Oberfläche glorifiziert werden - die trügerischen Zeremonien des schönen Scheins. MS: Leidest Du oft an kommerziellen Projekten? BD: Das kommt auf das Projekt an. Es gibt wirklich schlimme. MS: Kann man sich eigentlich nicht an der Virtuosität erfreuen, mit der man die „Zeremonien des schönen Scheins“ beherrscht? An den Feuerwerken ungetrübter Kreativität? An dem Augenblick der totalen Unbeschwertheit beim Betrachter? BD: Das stimmt schon. Das geht. Darin liegt neben der Bezahlung die Verführungskraft solcher Projekte - wenn sie von der Grundkonzeption her gut sind, was nicht oft der Fall ist und wenn sie gelingen, was auch nicht selbstverständlich ist. Ich gebe auch zu, dass es in der Adrenalinphase in einem guten Kommerzprojekt auch immer wieder zu einer Euphorie kommt. Man ist berauscht von den Teamprozessen, von Vertrauen, Leistung und natürlich trotz allem Stress, dass sich das Gelingen abzeichnet. Allerdings hat die Sache einen massiven Haken: Es bleibt nichts. Sofort nach Projektabschluss öffnet sich ein Loch. Diese Projekte verschwinden nach einiger Zeit vollständig. Sie verflüchtigen sich wie Wasserdampf. Was bleibt ist eine Lücke in Deinem Leben. Verschwundene Zeit, verschwundene Energie. Das ist bei den Theaterprojekten mit Daniel A. Jones anders. Sie werden ein Leben lang eine Bedeutung haben. Ich entwickle mich an und in ihnen. MS: Aber ist das nicht ungerecht? Es gibt nun mal zwei Welten und beide haben eine Existenzberechtigung. Auch der Kommerz braucht seine Inszenierungen. Wieso machst Du nicht nur Theater und verzichtest auf den Kommerz? BD: Nun - ich brauche ihn zum Leben. Ich schaffe es sonst finanziell einfach nicht. Aber ich sage mal so - das hat vielleicht auch seine guten Seiten. Sowohl für mich, als auch für den Kommerz. Ich bin als Mode-Designerin gestartet und habe einen langen Weg hinter mich gebracht, bis ich überhaupt beim Theater gelandet bin. Und am Anfang dieses Weges stand eben der Kommerz und nicht die Kunst. Deswegen ist meine ganze handwerkliche Heimat im Kommerz. Das kann und will ich nicht verleugnen. Es ist eine Hassliebe. Er ernährt mich und ich entwickle auch über meine Abneigungen gegen die offen geforderte Banalität eine eigene Haltung. Ich entwickle mich daran. MS: Und wie ist das dann für den Kommerz gut, dass Du so ambivalent bist? BD: Ich transformiere ihn und bin der festen Überzeugung, dass das auch für den Kommerz gut ist. Im Prinzip inszenieren wir Künstler die Schnittstelle zwischen der Industrie und den Seelen ihrer Kunden. Und wer einen Blick auf unsere Welt wirft weiß, dass sich diese beiden Dinge derzeit auseinander entwickeln. Ich schlage deswegen vor, dass wir auch im Kommerz aufhören nur die Oberflächen zu bespiegeln, sondern auch hier die Tiefe zuzulassen. Wenn man sich diesem Gedanken mal stellt, dann kommt man auf eine Menge faszinierender Ideen, die für alle Seiten gut sind. MS: Und die Seelen wieder zur Industrie bringen... BD: Darin sehe ich nichts Verwerfliches, solange die Produkte ehrlich und gut sind. MS: Wie kam es zu Deiner Zusammenarbeit mit Daniel A. Jones? BD: Ich habe mich vor 6 oder 7 Jahren mit einem Freund über meine Überzeugungen zu performing arts unterhalten und der meinte ich müsste unbedingt Daniel kennen lernen. Kurz drauf machte er eine Deutschlandreise, wir haben uns unterhalten und da hat es dann sofort gefunkt. Wir denken wirklich sehr ähnlich. Seit dem entwickeln wir zusammen Stücke - sehr, sehr gute Stücke, wie ich finde. MS: Welche Überzeugungen sind das, die euch gleich so zusammen geschweisst haben? BD: Dass man auf der Bühne keine Masken aufsetzen soll, sondern aus der Tiefe schöpfen. Wir nennen das auch nicht Schauspiel, sondern „Seinsspiel“. Wir tasten die innere Wirklichkeit ab, um dadurch an unsere Informationen zu kommen. Es geht darum die Rollen durch Fragen zu entwickeln - denn im Prinzip steckt die Rolle schon im Schauspieler. Das sind intensive Prozesse. Der Regisseur benutzt seine Schauspieler nicht mehr wie Puppen, sondern er holt sich die wesentlichen Informationen von ihnen ab. Ihre Persönlichkeiten tragen das Stück und entwickeln es. So wächst das Stück von Mal zu Mal zusammen mit Schauspielern und Regisseur. Das sind Prozesse, die dem Leben viel ähnlicher sind. MS: Das scheint ein Metatrend der Zeit zu sein, denn ähnliche Auffassungen finden wir heute in der modernen Diskurstheorie, in der modernen Pädagogik und Didaktik, aber auch im Bereich der Motivationstheorie. Du trainierst ja auch Manager - siehst Du Analogien zwischen Deiner Theaterarbeit und Deinen Managertrainings für Airbus? BD: Meine Theaterarbeit ist die Grundlage dafür, dass ich überhaupt Seminare geben kann. Es geht tatsächlich um etwas Ähnliches. Wir wollen uns der Wahrhaftigkeit annähern und daraus sowohl eine sinnvolle und zielführende Situationseinschätzung ableiten, als auch zu einer kraftvollen Persönlichkeit kommen. Manager finden dadurch zu den soft skills die von immer mehr Firmen heute gefordert und gefördert werden. MS: Welche sind das? BD: Wer sich mal anschaut, in welcher Geschwindigkeit heute ganze Branchen auf den Kopf gestellt werden und neue Superplayer in den Märkten entstehen, der weiß unter welchem enormen Anpassungsdruck Unternehmen heute stehen. Wenn alle Manager dann Duckmäuser und Mitläufer sind, dann fährt das Unternehmen mit Vollgas an die Wand, weil alle dem gerade mächtigsten, vielleicht aber untauglichsten Parolenausrufer hinterher laufen. Es nützt aber auch nichts, wenn alle durchsetzungsstark sind, dabei aber nur raffgierig am eigenen Erfolg basteln. Dann entstehen üble mikropolitische Grabenkriege. In der heutigen Zeit sind an allen Positionen kraftvolle Persönlichkeiten gefragt, die aus einer inneren Haltung schöpfen können und die zur Not auch mal gegen den Wind segeln können. Dabei sind Fairness und ein Blick auf das Gesamtwohl von immenser Bedeutung - ganzheitlich denkende Menschen eben. Ich entwickle mit einigen Fach-Kollegen die „inner (r)evolution“ (www.dasintegral.eu/index.php?id=82)- ein Programm, das genau diese soft skills stärkt. MS: Haltung - hm. Das klingt immer ein bisschen nach Ethos. Und Ethos ist doch etwas, was bisher in den meisten Wirtschaftsbetrieben eher als Luxus, also „Nice-to-Have-Asset“, letztlich als Leistungsbremse angesehen wurde. BD: Also erstens stimmt das nicht für alle Unternehmen. Und zum anderen ist Haltung auch keine Leistungsbremse. Der Hochleistungsaspekt in meiner Arbeit ist ein ganz wesentlicher Punkt. Ich arbeite bei knallharten Assessment-Centern mit - da steht die Leistung wirklich im Vordergrund. Und gerade da ist es wichtig, dass man sehr schnell seinen Impulsen vertraut - vertrauen kann! Wenn man keine Haltung hat, dann sind die Impulse trügerisch - man kommt ins Schwimmen. Haltung ist geradezu die Voraussetzung für Hochleistung in Extremsituationen. Auch hier schöpft man wieder von innen und wird dadurch stärker. MS: Nun muss ich noch nach Butch Morris fragen, mit dem Du ja auch intensiv zusammenarbeitest. Ein Dirigent aus den Bereichen Freejazz und Neue Musik. Was treibst Du da und hast Du nicht das Gefühl, dass Du Dich verzettelst? BD: Also ich bin inzwischen seit über 20 Jahren im Berufsleben - da entstehen vielfältige Erfahrungen, die man trotzdem noch unter einen Hut bringt. Vor allem auch vielfältige Interessen. Aber noch mal: Auch in der Arbeit mit Butch geht es im Prinzip darum die Musik aus dem Menschen heraus zu entwickeln und nicht die Menschen zu Marionetten zu degradieren, die das geniale Werk einer Einzelperson interpretieren. Egal ob Theater oder Unternehmen - im Prinzip sind das urmenschliche Muster, wie Sozialgemeinschaften am besten funktionieren. Bzw. wie sie funktionieren sollten, denn es stimmt schon, dass dieser Trend eigentlich eine Rückbesinnung ist - irgendwie hat die Welt das eine Zeit lang vergessen. Nenn es Schwarmintelligenz, Diskursethik oder eben contemporary freejazz. Ich würde sagen die Offenheit für verschiedene Ausdruckssysteme ermöglicht mir die gemeinsamen Metatrends in den Systemen zu erkennen und das Wesentliche zu fokussieren. MS: Kannst Du Dir vorstellen, dass man diese Metatrends auch leichtfüssig in Stücke einbaut oder muss das immer so schwere Kost sein? BD: Wir haben sie ja schon mehrfach auch in leichteren Stücken eingesetzt. Ich arbeite ja auch als Choreographin so. Ich lasse die Tänzer etwas anbieten und was mir gefällt wird eingebaut. Das ist die schnellste Arbeitsweise - hocheffizient und dabei auch noch sehr ästhetisch. Von der Gruppendynamik ganz zu schweigen - so entstehen loyale und motivierte Teams. Das hat mit Leichtigkeit oder Schwere zunächst nichts zu tun. Aber die Zeiten des Leichtigkeitsdiktats sind doch eh schon vorbei. Die guten Industrieevents beziehen sich doch längst auf wichtige Themen. Und das Publikum nimmt es ja auch wirklich dankbar entgegen, wenn es mit gehaltvoller Kost genährt wird. MS: Befürchtest Du nicht, dass die Werbung ihren Charme verliert, wenn man seine Konzepte nur noch aus der „neuen Ernsthaftigkeit“ schöpft? BD: Ach was. Das sind reine Etiketten, die selbst wiederum jeden Gedanken veroberflächlichen. Wir können charmant sein, wir können witzig sein, aber es muss halt einfach um etwas gehen, sonst langweilt man sein Publikum und das ist eigentlich der größte Affront, den man begehen kann. Ich sehe da aber eine super interessante Zeit auf uns zukommen, weil die „neue Ernsthaftigkeit“, wie Du so schön sagst, einfach ganz andere Grundkonzeptionen und ein tiefgängigeres Interesse auf allen Seiten erzeugt. Ob die Inszenierung dann charmant oder witzig oder ergreifend ist bleibt der jeweiligen Situation überlassen. Also ich bin recht froh, dass unser Denken derzeit eine richtige Großchance erhält. MS: Danke für das Gespräch. Barbara Duchow ist eine Schlüsselfigur für „Das Integral“ (www.dasintegral.eu) - einer Innovationsplattform für Kommunikation und Inszenierung. Erfahrene Experten aus diesen Bereichen haben sich zusammengetan, um Kommunikation endlich mal wieder kritisch zu beleuchten und dadurch zu neuen Konzepten zu finden. Ungewöhnlich für diese Branche ist dabei, dass sie offen ihre eigenen Haltungen entwickeln und ihre Kunden und Partner auffordern sich in diesen Prozess zu integrieren. Sie hinterfragen den Markt, die Produkte und die Mechanismen im Kommunikationsgewerbe. Sie stellen die Wirkmuster in der Kommunikationsindustrie auf den Prüfstand und formulieren neuartige Konzepte. Hirn einschalten ist hier erlaubt, ja gefordet. In einer Welt mit zunehmender Komplexität ist das der einzige Weg zu einer lebenswerten Zukunft. Wirtschaftsethik, Organisationsentwicklung, Politik und Kunst haben in diesem Kontext mehr miteinander zu tun, als man es gemeinhin vermutet - vor allem, wenn man gesellschaftlichen Entwicklungen vorwegnehmen und vielleicht sogar prägen will.

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Das Integral - Inszenierung und Kommunikation
Martin Sambauer
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