Für eventmanager.de hat Berry Medendorp mit beiden Veranstalterinnen gesprochen – nicht nur darüber, warum klassische Leadership-Trainings aus ihrer Sicht nicht mehr ausreichen, sondern auch darüber, was die Eventbranche von diesem Format lernen kann.
„Wir wollten raus aus der passiven Veranstaltung“
Schon zu Beginn des Gesprächs wird klar: Lead360 ist kein klassischer Kongress in dem Sinne. „Ich bin eine Menschen-Glücklichmacherin“, sagt Ellen Kamrad lachend. Gemeinsam mit Beate Lech, die aus dem Marketing- und Markenbereich kommt und selbst internationale Teams sowie Großveranstaltungen geführt hat, entstand die Idee, ein eigenes Eventformat zu entwickeln. „Was lag näher, als nicht nur Veranstaltungen für Kunden zu planen, sondern selbst ein Format zu entwickeln, das wirklich etwas verändert?“, erklärt Kamrad.
Im Fokus stehen junge Führungskräfte sowie Unternehmerinnen und Unternehmer – aber auch Menschen, die gerade neu Verantwortung übernehmen. „Viele haben fachliche Expertise, aber genau im Bereich Führung fehlen ihnen oft noch Skills“, sagt Beate Lech. „Und diese Skills wollen wir erlebbar machen.“
Leadership zum Erleben statt zum Zuhören
Der entscheidende Unterschied zu klassischen Weiterbildungen liegt für die beiden Veranstalterinnen im Erlebnischarakter. „Wenn wir eine Keynote oder einen Vortrag hören, behalten wir vielleicht ein Drittel davon“, erklärt Kamrad. „Wir gehen zwar mit vielen Impulsen, aber ohne echte Erfahrung nach Hause.“ Genau das soll Lead360 ändern. Das Festival kombiniert Bewegung, Selbstreflexion und konkrete Übertragung mit dem Berufsalltag. Jeder Workshop folgt dabei einem klaren Dreiklang:
- Bewegung,
- Selbstreflexion,
- Transformation in den Alltag.
„Dabei geht nicht darum, einfach nur Sport zu machen“, sondern darum, die Leadership-Skills, die man dort erlebt, später wirklich im Berufsleben anzuwenden.“ betont Lech.
Boxen, Tauchen, Improvisation – und Führung lernen
Die Workshop-Auswahl klingt dabei eher nach Experience Festival als nach Führungskräfteseminar.
So können Teilnehmende unter anderem:
- mit einer Weltmeisterin boxen,
- mit einem Apnoetaucher arbeiten,
- neuroathletische Trainings absolvieren,
- Improvisationstheater erleben,
- oder mit einer Olympiateilnehmerin mentale Blockaden analysieren.
Dabei ist besonders spannend: Jede Aktivität wird unmittelbar mit Leadership-Themen verbunden.
„Beim Tauchen geht es um Atemtechnik, aber auch um Teamarbeit“, erklärt Kamrad. „Die Teilnehmer gehen aus dem Training raus und haben ihre Zeiten unter Wasser verdoppelt. Sie erleben direkt, was Fokus und Vertrauen bewirken.“
Auch das Thema Kommunikation wird ungewöhnlich gedacht. Im Improvisationsworkshop bauen Teilnehmer gemeinsam Geschichten auf, arbeiten mit Körpersprache und lernen Kommunikation durch Bewegung und Interaktion.
Warum Festival und nicht Konferenz?
Die Frage, warum das Event bewusst als „Festival“ bezeichnet wird, beantwortet sich im Gespräch fast von selbst. „Weil es einen Festivalcharakter hat“, sagt Lech. „Wir haben eine Festival Area mit Bühne, Networking-Zone, Partnerständen, Catering und Workshops, die parallel stattfinden.“
Die Teilnehmenden stellen sich ihren eigenen Tagesablauf zusammen und bewegen sich ständig zwischen den verschiedenen Areas. Abends geht das Format bewusst weiter: mit Barbecue, Networking, DJ, Kleinkunst und offenen Begegnungsflächen.
„Bewegung und Sport verbinden sowieso“, sagt Kamrad. „Und genau daraus entsteht automatisch Community.“
Ein spannender Ansatz auch für Eventmanager
Gerade aus Sicht der Eventbranche ist Lead360 interessant, weil hier viele Entwicklungen zusammenlaufen, die Eventmanager seit Jahren diskutieren. Dazu gehören:
- mehr Interaktion,
- mehr Community,
- weniger Frontalbeschallung,
- stärkere Emotionalisierung,
- aktivere Teilnehmerrollen.
Im Gespräch frage ich Ellen Kamrad und Beate Lech daher, wie das Format überhaupt konzipiert wurde. Die Antwort überrascht durch Einfachheit: „Wir haben einfach angefangen.“ Dann ergänzen sie: „Wir hatten eine Zielgruppe und uns gefragt: Wie kann man Wissen anders vermitteln?“
Diese Gedanken führte sie schnell zum Thema Bewegung. „Sport oder Bewegung ist etwas, womit fast jeder etwas anfangen kann“, erklärt Kamrad. „Und junge Leute sagen uns: Endlich mal etwas anderes. Endlich nicht nur Konferenzsaal und Dauerbeschallung.“
Das Kameha Grand Bonn als Teil des Konzepts
Auch der Veranstaltungsort wurde bewusst ausgewählt. Das Kameha Grand Bonn bietet aus Sicht der Veranstalterinnen genau die richtige Mischung aus Offenheit, modernem Design, vielen Workshopräumen, kurzen Wegen sowie guter Erreichbarkeit.
„Das Haus ist hell, offen und man kann die Fläche wunderbar bespielen“, sagt Lech. „Und wir nutzen tatsächlich jeden einzelnen Raum.“ Mit rund 300 Teilnehmern stößt die erste Ausgabe bereits an ihre Kapazitätsgrenzen.
Auch organisatorisch eine besondere Herausforderung
Dass ein bewegungsorientiertes Event völlig andere Anforderungen mit sich bringt, als klassische Konferenzen, zeigt sich auch hinter den Kulissen. „Die Teilnehmer machen Sport, also schwitzen sie“, sagt Kamrad pragmatisch. „Das bedeutet: genug Wasser, genug Luft, genug Platz.“
Geplant sind daher unter anderem nachhaltige Trinklösungen, zusätzliche Duschmöglichkeiten, eine klare Wegeführung, flexible Workshopflächen sowie eine intensive Betreuung vor Ort.
„Das ist ganz normales Veranstaltungsbusiness“, sagt Lech zwar lachend – gleichzeitig wird jedoch deutlich, wie viel Detailplanung hinter dem Konzept steckt.
Bewusst ohne KI-Fokus
Interessant ist auch die Haltung der Veranstalterinnen zum Thema KI. Während aktuell bei fast jedem Business-Event künstliche Intelligenz im Mittelpunkt steht, gehen Kamrad und Lech bewusst einen anderen Weg. „Wir wollten die Menschen in den Fokus setzen“, erklärt Kamrad. „Natürlich nutzen wir KI in der Vorbereitung oder Kommunikation. Aber vor Ort geht es um körperliches Erleben, um Menschen, um Emotionen.“ Gerade in einer Zeit permanenter Digitalisierung wirkt dieser Ansatz bewusst entschleunigend.
Eine Vision über Bonn hinaus
Das Festival soll langfristig wachsen. Schon jetzt denken die Veranstalterinnen über weitere Standorte, zusätzliche Sportarten und größere Formate nach. „Wir hätten zum Beispiel gerne irgendwann Rudern dabei“, erzählt Lech. „Oder Locations mit noch mehr Möglichkeiten für Outdoor- und Bewegungsformate.“ Klar ist: Lead360 versteht sich nicht als einmaliges Event, sondern als langfristige Plattform.
Was die Branche daraus mitnehmen kann
Für Eventmanager ist Lead360 vor allem eines: ein spannendes Beispiel dafür, wie sich Business-Events verändern.
Weg von reinen Vortragsformaten, passiven Teilnehmerrollen und starren Agenden hin zu echten Erlebnissen, Community, Bewegung, Interaktion sowie nachhaltigen Erlebnissen und Erfahrungen.
Oder wie es die beiden im Gespräch auf den Punkt bringen: „Keiner soll da rausgehen und sagen: War ganz nett. Sondern: Das hat wirklich etwas mit mir gemacht.“







